laboratoire du désoeuvrement (2001)

Katya Montaignac: Labor für 5 Tänzerinnen und 1 Playmobil

Veröffentlicht in der frz. Zeitschrift La Danse
http://www.ladanse.com (09/08/2001) [Link diskontinuiert]

"Eine extreme Energe breitet sich von diesen fünf Frauen aus, die plötzlich auf der Bühne auftauchen, welche Sekunden vorher noch leer und still war. Rasch bewegen sie sich, durchqueren den Raum und "installieren" sich. Diese (De-) Platzierung wird wie die gewöhnliche Geste eines "In-Betrieb- Setzens" durchgeführt. Die Performer machen sich an die Arbeit. Und zwar machen sie, einmal an ihrem Platz, ganz präzise, nichts...

Diese Werkstätte des Nichts ist ein Bild, das immer wieder auftaucht und die unterschiedlichen Sequenzen der Arbeit der Performance dadurch regelrecht rhythmisiert. Weil es genau dieses "geringe Etwas" ist, worin die ganzen Ausführungen der Compagnie konsistieren: klinische Beobachtungen, biologische Versuche, die Sezierung und Vergrößerung dessen, was "umsonst" ist oder als unproduktiver Akt gilt, bis hin zur Erforschung des Sems "désoeuvrer" (frz. für Entwerken, Faulenzen) im Gegensatz zum "Produzieren" (insbesondere eines choreographischen Werks).

In diesem ersten "Werk" (oeuvre) nimmt Petra Sabisch — die erste Choreographin, deren Lebenslauf 1973 mit der Begegnung eines Playmobils ansetzt (vgl. ihre Kleine Chronologie persönlicher Umstände auf www.multimania.com/desoeuvrer/ chrono.html) — die Dichotomie Arbeit/ Nicht-Arbeit in einer quasi-wissenschaftlichen Art auseinander (Schemata, Definitionen, Graphiken und Vektoren werden zu Hilfe gezogen, das Ganze auf eine Leinwand projiziert, die wie eine weitsichtige Untertitelung der Choreographie wirkt).

Die Performer tragen alle ein himmelblaues T-Shirt (Schönwetterfarbe, Farbe des Sommers, der Ferien, des Müßiggangs) und graue Hosen (das Graue, das Uniforme, Routinierte, die Arbeit). Was den Playmobil betrifft, trägt er eine Bauarbeiterkappe und ist damit gleichzeitig ein zur ewigen Immobilität verdammtes Spielzeug sowie der Körper eines Arbeiters, welcher im Begriff steht, etwas zu "konstruieren". Diese 6 befragen den Unterschied zwischen der produktiven Handlung und dem "acte gratuit", also der "umsonst verbrachten Zeit", und zwischen der beträchtlichen "Arbeit", welche eine elektrische Kaffeemaschine während der ganzen Aufführung ausführt und der rudimentären Handlung eines Knopfdrucks. Wie draußen auf der Straße fangen die Performer auf der Bühne an, eine Serie resolut unproduktiver Handlungen durchzuführen: Gummispringen, Herumlungern, Denken oder Trippeln, Sich-Setzen oder sich durch eilige Passanten drängeln.

Wie eine mit einem polarisierenden Mikroskop bewaffnete Biologin, untersucht und zerlegt Petra Sabisch die Bewegung bis hin zur Verfeinerung auf ihre minimalste irreduzible Form. Ein auf ewig immobilisierter Tänzer mit wachen Augenlidern und vibrierendem Puls. Indem die Choreographin den Rest anästhesiert, sind es diese wesentlichen Bewegungen, die plötzlich hervorspringen und bewusst im Vordergrund stehen. Vermittels dieses Labors analysiert sie "Handlung", in der Kunst wie im allgemeinen Leben.

Muss eine getanzte Handlung notwendigerweise einen extremen Energieaufwand bedeuten? Das "Tableau Vivant" der fünf Frauen, die fast nichts tun, scheint das Gegenteil zu beweisen: es zeugt zugleich von einer subtilen szenischen Komposition (Wie den Bühnenraum gestalten, ohne sich zu bewegen?) und von einer riskanten ästhetischen Wahl, von mindestens mehreren Stunden Reflexion und ganz besonders von dem unleugbaren performativen Spiel, bzw. sogar von physischem Training! Gewissermaßen ließe sich fragen, was ist nichtiger als Gummispringen? Und doch kommt in dieser Kreativ-Pausen-Performance ein Know-How ins Spiel, das nicht allein der Arbeit eignet, sondern vielmehr gemeinschaftlicher Natur ist; ein Know-How, das insbesondere den Akt des Tanzens betrifft, wie z.B. in der Reiteration identischer gestischer Sequenzen, in der erfolgreichen Spitzenleistung eines engagierten Unterfangens und in der Erschöpfung nach Vollzug der Taten. Und wie immer kommt dann der Augenblick, wo das Niveau des elastischen Gummibandes zu hoch liegt, um noch hinüberzuspringen: eine fehlende oder eine Fehlleistung (l'acte manqué)?

Auf diese Art und Weise wird die Bewegung in der ihr eigenen Ambivalenz untersucht: auf der einen Seite, die äußerste Entspannung (und damit das ganze Paradox, das in der Arbeit des désoeuvrement, des müßigen Nicht-Produzierens, diesen spezifischen Körperzustand erzeugt) und auf der anderen Seite eine bis zum ultimativen Grad getriebene Spannung. Diese beiden Graham-Qualitäten der Bewegung (das berühmte contract-release), personifiziert durch die beiden Haupt-Accessoires der Performance (der Playmobil und das elastische Gummiband) werden ebenso im Körper der Performer einer Prüfung unterzogen. So besteht eine Sequenz unter anderem darin, die fließende und elastische Flugbahn zu reproduzieren, die ein in den Raum geworfenes Gummiband erzeugt. Im Gegensatz dazu wird gerade in dem Moment, wo sich die Körper auf synchrone Weise zum Tanzen anschicken, die Geste selbst mechanisch, kalt und uniform, und so steif und fügsam wie die des Playmobils. Dieses alptraumhafte Ballett, was von den Einschränkungen der Gelenkigkeit des kleinen Spielzeug-Männchens diktiert wird, schließt mit einem köstlichen Experiment zum Fall des besagten Playmobils: ganz anders als das Gummiband, das sich dem Boden allmählich und federnd zu nähern scheint, stürzt letzterer wie ein Klotz, ohne jeden Dämpfer.

Le laboratoire du désoeuvrement lädt dazu ein, gemeinsam eine Zeit der Entspannung zu teilen, eine uneinkalkulierte Zeit außerhalb-der-Zeit, Freizeit, eine Zeit für sich. Während dieses erholsamen Tableaux' der Selbst-Besinnung, öffnet eine Performerin das Fenster. Die frische Luft strömt in den geschlossenen Raum und auf die Bühne. Darüberhinaus zieht der Duft des Kaffees in die Nasen; von Neuem wird dieser Kontakt mit dem Außen der Bühne zugeleitet, in den gewohnten Geräuschen der Züge, der Vögel und der Passanten, die man im Alltag gar nicht mehr vernimmt.

Sich DIESE Zeit nehmen und sie genießen: Ein gemeinsamer Augenblick, der dem Publikum und den Performern geschenkt wird. Ein regenierendes Verweilen, das sich zur Selbstbeobachtung eignet. Zugleich ein Gefühl des Wohlseins und der schlagartig auftauchenden Angst davor, dass auch diese Zeit vergehen wird. Unweigerlich.

Juli 2001

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