Contaminated / Kontaminiert

a lecture-performance by Petra Sabisch (2005)


synopsis

Contaminated is a lecture-performance about a performance, questioning what exactly happens between the stage and the audience and where the limits between autobiography and copy, body theory and choreography do dissolve.


zusammenfassung

Kontaminiert ist eine Lecture-Performance über eine Performance, welche danach fragt, was zwischen Bühne und Publikum wirklich passiert und wo die Grenzen zwischen Autobiographie und Kopie, Materialität und Partitur, Körpertheorie und Choreographie verlaufen.

credits

concept| realization Petra Sabisch
supported by
Fernwärme im Ausland, Atelier Frankfurt/ Unfriendly Takeover

photos - to come

presse/ texte

PIRKKO HUSEMANN: P.S.: Kontaminiert. Gedanken zur Aufführung einer Nachschrift 07/02/2005 (Volltext) >>>

extract de

PIRKKO HUSEMANN: P.S.: Contaminated. Thoughts about the performance of a post-script 07/02/2005 (Entire text) >>>

extract en

CONSTANZE KLEMENTZ: Körper-Sprache, Berliner Morgenpost, 22/05/2004, S. 13.

CONSTANZE KLEMENTZ: body-language, Berliner Morgenpost, 22/05/2004, p.13.



PIRKKO HUSEMANN: P.S.: Kontaminiert. Gedanken zur Aufführung einer Nachschrift (extract)

"Petra Sabisch hat sich für Kontaminiert auf formaler, inhaltlicher und konzeptueller Ebene von Xavier Le Roy anstecken lassen. Ihre lectureperformance ist Dank und Hommage an Xavier Le Roys in Theaterkreisen mittlerweile zum Klassiker und zum Vorbild für eine ganze Reihe von jungen Regisseuren und Choreographen avancierten Stück. Zugleich ist Kontaminiert aber mehr als ein nachgeschobener Kommentar zu Product of Circumstances. Es ist eine raffinierte Aneignung, die zwar ohne die Kenntnis des Originals als eigenständige Aufführung eines Vortragsskriptes funktioniert, jedoch durch das Wissen um Le Roys Arbeiten und die Übertragung eines Aufführungsformates von einer Person zur anderen sowie insbesondere vom männlichen zum weiblichen Körper enorm bereichert wird. Ausgehend von dem im Titel vorangestellten Konzept der Kontamination (entlehnt aus Biomedizin und Informatik) berichtet Sabisch von einer zunächst nicht weiter benannten, im Jahr 2000 in Hamburg gesehenen Aufführung, von welcher sie sich für ihre eigene Arbeit inspirieren ließ. Dazu rekonstruiert sie anhand von Dias zunächst die damalige Aufführungssituation dieser lecture-performance, um mögliche (und natürlich rational betrachtet unmögliche) Wege der Ansteckung durch die vom Vortragenden zur Zuhörerin diffundierenden Partikel zu veranschaulichen. Nicht zufällig haben diese Visualisierungsversuche eine verblüffende Ähnlichkeit mit den von Le Roy in Product of Circumstances präsentierten Zellstrukturen unter dem Mikroskop. Vom Format her ähnlich hybride zwischen autobiographischer Erzählung, Vortrag und Aufführung angelegt, schildert Sabisch dann ihre professionelle Umorientierung von der Literaturwissenschaft zur Performance, wobei sie die unterschiedlichen Kapitel ihrer erzählten Lebensgeschichte mit den dazugehörigen Projektionen und Aktionen belegt. (...)

Wie Le Roy demonstriert auch Sabisch kurze Fragmente aus ihren eigenen Arbeiten Laboratoire du Desoeuvrement, Cartographics und Programm, sowie szenische Zitate aus Kollaborationen mit anderen Choreographen (...). An diese szenischen Selbst- und Fremdzitate schließen sich Zitate von Zitaten an, womit Sabisch sich zunehmend der eigentlichen Kontaminationsquelle annähert. Sie zitiert Szenen aus Product of Circumstances, die schon in Le Roys Aufführung als dessen eigene Selbstzitate aus dem früheren Stück Things I Hate to Admit auftauchen. Dank ihrer schlanken Unterarme kann Sabisch Le Roys Armkreisen ohne weiteres imitieren (...) Als sie im Anschluss daran die Bewegungen aus einer bereits gezeigten Szene aus dem eigenen Laboratoire du Desoeuvrement mit den kurz zuvor zitierten Armbewegungen aus Le Roys Things I Hate to Admit kombiniert, entsteht zwischen dem auf der Bühne anwesenden Körper Petra Sabischs und dem des real abwesenden, aber auf der Ebene des Vortrags als Leerstelle markierten und daher umso präsenteren Körper Xavier Le Roys eine Art vorübergehende Verwachsung.

Dieser Bewegungszwitter Sabisch-Le Roy erinnert wiederum stark an das am Rumpf zusammengewachsene, zweigeschlechtliche, vierbeinige Zwitterwesen aus dessen Stück Self Unfinished (1998). Kontaminiert zitiert also nicht nur Themen und Szenen aus Product of Circumstances, es evoziert auch Körperbilder aus anderen Stücken Le Roys und thematisiert darüber hinaus von ihm bekannte Körperkonzepte wie die Transformation und Extension. Hinzu kommt dann neben der körperlichen Kontamination noch eine Ansteckung auf textueller Ebene. Als Sabisch das kleingedruckte, mehrseitige DIN A4 Skript eines von ihr verfassten Artikels über eben jenes für sie so bedeutende Product of Circumstances auf die Leinwand projiziert, dazu Le Roys Inszenierungsanweisung zur Aufführung desselben aus einer Printversion des Skriptes als Dia einblendet und gleichzeitig vorliest, bleibt es den Zuschauern mit ihrem jeweiligen Informationsstand überlassen, die mannigfaltigen Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Texten und Szenen herzustellen. (...)

Sabischs Lebensgeschichte endet mit einem Bericht über den kürzlich unternommenen Versuch, ihre Praxiserfahrungen wieder in die wissenschaftliche Forschung zu übertragen. Auf der Suche nach einem Rahmen für ihr Projekt von einer kritischen Körperpraxis zwischen Wissenschaft und Kunst war sie bei der Beantragung eines Promotionsstipendiums auf taube Ohren bei akademischen Vertretern und potenziellen Geldgebern gestoßen. Gerade um sich bei diesen Repräsentanten der Institution Gehör zu verschaffen, müsste ihr Vorhaben, in praxisnaher Form über die Materialität des Körpers in Theorie und Praxis zu schreiben, umso dringlicher im klassischen Universitätsbetrieb und auf konventionellen Theaterbühnen präsentiert werden – am besten zusammen mit Xavier Le Roys Kontaminationsquelle in einem Dialog artikulierter Körper, die die Sprache des Fleisches sprechen. Sabisch lässt den Ausgang der Geschichte und damit auch die Frage nach dem Ausweg aus dem persönlichen Dilemma der Gratwanderung offen, indem sie zwei mögliche Enden und dann noch ganz à la Le Roy das Gespräch im Anschluss an die Vorstellung anbietet."


Pirkko Husemann: P.S.: Contaminated. Thoughts about the performance of a post-script (extract)

'Her lecture-performance is thanks and homage to Xavier le Roy’s piece, which meanwhile has become a classic in many theatre circles and a model for a series of young directors and choreographers. Yet, at the same time, Contaminated is more than just a late comment on Product of Circumstances. It is a refined appropriation, which functions – even without knowing the original - as autonomous presentation of a lecture-script, but which gains enormously through the knowledge of Le Roy’s works, the transfer of a performance setting from one person to another, particularly from the masculine to the feminine body. Starting from the concept of contamination, (preceded by the title and borrowed from bio-medicine and computing science), Sabisch first describes a not precisely defined performance, that was shown in the year 2000 in Hamburg, from which she has been inspired for her own work. Therefore she reconstructs this performance situation by the means of slide-projection, in order to demonstrate possible (and rationally seen impossible) ways of contamination via a dissolving particle, which passes from the person giving a paper to the spectator. It is not by chance that these visualisations resemble amazingly to the microscopic cellular structures, as presented by Le Roy in Product of Circumstances. On the formal level, they are similarly composed as hybrid, oscillating between autobiographical narration, lecture and performance. Sabisch then reports her own professional orientation from literature to performance, demonstrating thereby the different chapters of the narrated story of her life with the respective projections and actions. (...)

As Le Roy, Sabisch demonstrates short fragments of her own works Laboratoire du Désoeuvrement, Cartographics and Program, as well as quotations from collaborations with other choreographers. (...) These performed quotations of own and other references, are joined up by quotations of quotations, by which Sabisch successively approaches the real source of contamination. She quotes parts of Product of Circumstances, which already appeared in Le Roy’s performance as his own self-quotations from the former piece Things I Hate to Admit. Thanks to her slim forearms, Sabisch has no difficulty to imitate Le Roy’s circling of arms. (...) When she combines subsequently the movements of an already shown part of her own Laboratoire du Désoeuvrement with the arm-movements of Le Roy’s Things I Hate to Admit, quoted right beforehand, a kind of temporary mutation is created between Petra Sabisch’s body, present on stage, and Le Roy’s body, absent as a real, but far more present on the level of the lecture since it is marked as the missing link.

This movement hermaphrodite Sabisch-Le Roy again reminds strongly of the four-legged, bisexual and trunk-mutated hermaphrodite of Le Roy’s piece Self-Unfinished (1998). Contaminated thus do not only quote matters and parts of Products of Circumstances, it evokes as well body images from other pieces of Le Roy and reflects further body concepts that are known from his work as transformation and extension. Moreover, besides the corporeal contamination, there is contamination on the textual level. When Sabisch projects the little-printed multi-paged A 4 script of an article, that she has written about this so meaningful Product of Circumstances, when she inserts a slide, showing Le Roy’s instruction-score for the presentation of his piece from a print version of the script, reading it simultaneously, - it is up to the spectators, according to their level of information and understanding, to produce the manifold contexts between the different texts and scenes. (...)

Sabisch’s life-story ends up with a report of her recent attempt to transfer her practical experiences once more into scientific research. Searching a frame for her project on critical body practice between science and art, she met with no response from academic representatives and potential funding partners, when applying for a PhD bursary. In order to get a response from these representatives, her project of writing the corporeal materiality in theory and practice, should all the more urgently be presented in classical academic institutions and conventional theatre stages – and best together with Xavier le Roy’s source of contamination: in a dialogue of articulated bodies, that speak the language of flesh.

Sabisch leaves the consequences of her story as open as the question of her way out of this personal dilemma of ridge walking, by offering at the end of her performance two possible ends and a discussion à la Roy."


Constanze Klementz: Körper-Sprache, Berliner Morgenpost, 22. Mai, 2004, S. 13.

Auf der deutschen Tanzplattform, die alle zwei Jahre dem internationalen Fach- und Veranstalterpublikum zeigen soll, was im freien zeitgenössischen Tanz hierzulande so vor sich geht, konnte man es dieses Jahr sehen: ganz schön beredt, diese Kunstform. Nicht nur ist die Sprache für viele Choreografen ein geläufiges Ausdrucksmittel, sondern Stücke wie Xavier Le Roys „project“ begreifen Choreografie nicht mehr nur als Komposition der schönen, virtuosen Körperform. Sie betreiben theoretische oder auch gesellschaftliche Recherche und wagen sich bis in komplexe analytische Diskurse vor. Ob Tanz dazu taugt oder vielmehr: ob das, was da entsteht, sich noch Tanz nennen darf, ist eine in den Feuilletons heiß geführte Debatte. Für die Künstler stellt sich diese Frage nicht, folgen sie doch in erster Linie ihren inhaltlichen choreografischen und tänzerischen Interessen. So gesehen ist Petra Sabisch eine fast schon exemplarische Wanderin zwischen den Welten, die in ihrer Arbeit längst zu einer zusammen gewachsen sind. Für die junge Choreografin mit Sitz in Berlin und Paris gehören die praktische und die theoretische Auseinandersetzung mit Bewegung und der Wahrnehmungssituation, in der sie im Rahmen einer Tanz-Aufführung stattfindet, untrennbar zusammen. Folgerichtig hat sie nicht nur diverse wissenschaftliche Publikationen über Tanz und Körpertheorie vorzuweisen, sondern auch mit Künstlern wie Jérôme Bel oder dem französischen Kollektiv Superamas sowohl auf der Bühne als auch in Theorie und Konzeption zusammen gearbeitet. In der work-in-progress-Reihe „Test um 6“ der Tanzfabrik stellt Sabisch heute „Kontaminiert“ vor, eine Lecture-Performance, die versucht, auf der Grenze zwischen Körpertheorie und Tanz entlang zu wandern – immer dem Drang folgend, sich darüber bewusst zu werden, wie das eigene Medium funktioniert.


Constanze Klementz: body-language, Berliner Morgenpost, May 22, 2004, p.13.

On the German dance platform, which aims to show to the international audience of producers and professionals, what happens in the independent contemporary dance in this country (Germany), one could realize this year how eloquent this artform is. It is not only that language has become a current means of expression for many choreographers, but pieces as Xavier le Roy's "Project" conceive choreography no longer as a composition of the beautiful, virtuous body shapes. They undertake social and theoretical research and dare to penetrate in complex analytical discourses. If dance can serve this aim or rather, if that, what is created, can call itself dance, is a delicate question, much discussed in the cultural pages of newspapers. For the artists instead, this question does not seem to be important, since they primarily follow their choreographic and dance interests, evoked by the matters they work on.

In this sense, Petra Sabisch is a nearly exemplaric rambler between those worlds, which have become one in her work. For the young choreographer working in Berlin and Paris, the practical and theoretical research of movement and the perceptive situation, (as in the frame of a dance-performance), do inseparably belong together. Consequently she has not only diverse scientific publications on dance and body-theory to present, but she collaborated as well with artists such as Jérôme Bel or the French collective Superamas, either on stage as in theory and conception. In the work-in-progress series "test at six" at the Tanzfabrik, Sabisch presents today "Contaminated", a lecture-performance, which tries to walk on the edge between body theory and dance – always following the urgency to become aware of the way in which the proper medium functions.